Sterben an Einsamkeit oder an Corona

Sterben an Einsamkeit oder an Corona

Unter obigem Titel ist in der heutigen Ausgabe vom Kölner Stadt-Anzeiger ein Artikel von Alexandra Ringendahl erschienen. Er ist persönlich, er geht nahe – und beleuchtet die Corona-Krise aus Sicht der bisher am meisten Betroffenen: den älteren Mitbürgern. Hier folgt der Artikel in ungekürzter Form:

Es heißt zu Recht: Journalisten sollen sich nicht mit einer Sache gemein machen. Aber manchmal müssen sie es, weil das Leben sie mit einer Sache oder in diesem Fall mit geliebten Menschen gemein macht.

Alles, was derzeit zum Weg aus dem Lockdown diskutiert und umgesetzt wird: Ich kann es nur aus der Perspektive meines hochbetagten, schwerkranken Vaters wahrnehmen. Er liegt am Niederrhein in einem Pflegeheim. Seit Monaten schaut er dort abwechselnd die Decke oder den Fernseh-Bildschirm an. Meine Mutter, mit der er fast 60 Jahre verheiratet ist, darf er seit mehr als sechs Wochen nicht mehr sehen. Könnte er sie sehen, würde er erschrecken: Sie, die mal die Starke in diesem symbiotischen System zweier Menschen war, ist in diesen Wochen in sich zusammengefallen. Sie verharrt im Bett oder im abgedunkelten Haus. Selbst die Frühlingssonne vermag sie nicht zu locken. Ihr Gang ist gebeugt und unsicher geworden, gealtert im Corona-Zeitraffer. Diese beiden Menschen klammern sich an eine einzige Hoffnung: die Hoffnung, einander wieder begegnen zu können. Sterben an Einsamkeit oder Sterben an Corona? Sie würden vielleicht Letzteres wählen.

Sie hatten gehofft, die Lockerungsdebatte könnte auch für sie einen Hoffnungsschimmer bringen, für den es sich lohnt, auf dieser letzten Wegstrecke noch ein wenig emotional durchzuhalten. Einmal die Woche eine Stunde Begegnung, mit Maske, Schutzkleidung und Abstand – schon das wäre ein Segen. Fehlanzeige. Die Landesregierung verkündet Lockerungen im Einzelhandel, schrittweise Schulöffnung, erweiterte Notbetreuung an Kitas. Flankiert von engagierten Debatten, wo noch mehr Lockerung möglich sein könnte, um weiteren wirtschaftlichen Schaden abzuwenden. Kein Wort zu ihnen, zu ihrer existenziellen Situation, die gegen die Menschenwürde verstößt. Kein Konzept, nicht mal eine vage Perspektive.

Ist das der Weg, die Hochbetagten bestmöglich zu schützen? Nein, das ist er nicht, und der Blick in den Alltag der Pflegeheime macht einen als Angehörigen wütend. Denn das System, das Angehörige auf nicht absehbare Zeit aussperrt und hilflose Menschen ihrer Einsamkeit überlässt, tut gleichzeitig wenig bis gar nichts dafür, die ungleich größere Ansteckungsgefahr zu bekämpfen: Die im engen Körperkontakt mit den Heimbewohnern arbeitenden Pfleger werden nicht angemessen geschützt.

Keiner von ihnen weiß sicher, ob er selbst infiziert ist. Die Mitarbeiter, die wegen des Personalmangels über alle Stationen und Wohnbereiche hinweg eingesetzt werden, gehen abends nach Hause zu ihren Familien. In denen hat sich vielleicht einer im Bus oder beim Einkaufen angesteckt. Wer weiß das schon sicher? Sicher ist nur, dass die Pfleger am nächsten Tag im Heim wieder im engen körperlichen Kontakt mit den Hochbetagten sind. Viele von ihnen nur mit einfachem OP-Schutz für Mund und Nase ausgestattet, nicht mit den professionellen FFP2-Masken. Schutzkleidung für das Personal? Fehlanzeige. Regelmäßige wöchentliche oder 14-tägliche Tests des Personals? Nicht einmal Gegenstand der Debatte. Selbst als der erste Corona-Verdachtsfall im Heim meines Vaters da war, musste der Leiter zwei Tage mit Behörden kämpfen, um für sein Personal einen Test zu erwirken. Wer nicht alles tut, um die Hauptgefahr für das Leben dieser Menschen zu minimieren, der hat nicht das Recht, ihnen für unbestimmte Zeit auch noch das zu nehmen, was sie am Leben erhält: die Zuwendung ihrer Liebsten.

Über Besuchsregelungen hinaus bräuchte es zwingend die Debatte über den angemessenen ethischen Umgang mit den Alten – vor allem dann, wenn sie an Covid-19 erkranken. Es bräuchte dringend mehr Ehrlichkeit, wie sie der Palliativmediziner Matthias Thöns kürzlich im Deutschlandfunk angemahnt hat. Wir haben die Intensivkapazitäten hochgefahren, um möglichst viele Menschen beatmen zu können. Aber es sind vor allem die vorerkrankten Hochbetagten, die nach einer Corona-Diagnose auf den Intensivstationen landen. Was sie erwartet, wenn man sie in ein Krankenhaus bringt, das bespricht man mit ihnen nicht und müsste es doch dringend tun: Jeder zweite Corona-Patient überlebt den fünften Tag auf der Intensivstation nicht. Studien aus China zufolge starben von den Hochbetagten auf der Intensivstation 97 Prozent trotz Maximaltherapie. Und wenn sie sterben, sterben sie allein – ohne dass ein Angehöriger ihre Hand hält.

Menschen, die sonst als hochbetagte Vorerkrankte Palliativpatienten wären, werden plötzlich Intensivpatienten. Eine ehrliche Willensermittlung findet nicht statt. Im Gegenteil: Thöns wies sogar auf die Gefahr hin, dass in den Krankenhäusern angesichts aufgeschobener Operationen und noch nicht ausgelasteter Intensivstationen wirtschaftlicher Druck entstehen könnte, Hochbetagte intensivmedizinisch zu betreuen. Statt die Zahl von Intensivbetten weiter auszubauen und Heime kompromisslos abzuriegeln, bräuchte es etwas anderes: das ehrliche Gespräch mit den Hochbetagten, ob sie das im Fall von Covid-19 wirklich wollen: schweres Leiden bei minimaler Rettungschance. Hier bräuchte es mehr Aufklärung darüber, dass Palliativmedizin die so gefürchtete Atemnot wirksam lindern kann. Keiner brauche zu ersticken, betont Thöns. Es bräuchte einen massiven Ausbau der auf Covid-19 ausgerichteten Palliativbetreuung, um ein Sterben in Würde zu ermöglichen: begleitet daheim oder auf einer palliativen Corona-Station im Heim. Zumal dort – anders als im Krankenhaus – das Besuchsverbot aufgehoben wird, wenn ein Covid-19-Patient im Sterben liegt.

Vor kurzem fand eine Videokonferenz der Fraktionsvorsitzenden in Bergheim statt. In diesem Rahmen erkundigte sich Achim Brauer nach der Situation in den Alten- und Pflegeheimen in Bergheim.

Nähere Informationen lagen leider zu diesem Zeitpunkt nicht vor. Ein Teilnehmer der Sitzung zeichnete aus beruflicher Erfahrung ein Bild von „Auf-sich-Allein-Gestelltsein“.

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